mit Experten Alois Vorwagner vom AIT (Austrian Institut of Technology)
Millimeter-genaue Infrastrukturüberwachung mit inSAR
InSAR (Interferometric Synthetic Aperture Radar) entwickelt sich zu einer der spannendsten Technologien für die Infrastrukturerhaltung. Laut Alois Vorwagner vom Austrian Institute of Technology (AIT) bietet die Methode erstmals die Möglichkeit, Brücken, Straßen und Bahntrassen kosteneffizient, großflächig und millimetergenau aus dem Weltraum zu überwachen.
Der folgende Artikel erklärt die Funktionsweise, Genauigkeit, Grenzen, Praxisbeispiele und Zukunftsperspektiven – vollständig basierend auf deinem Podcast-Transkript.
Wie funktioniert InSAR?
InSAR nutzt Radar-Satelliten, die elektromagnetische Wellen zur Erde senden und aus der reflektierten Phase millimetergenaue Bewegungen der Oberfläche berechnen. Die Missionen der ESA (Sentinel-1) liefern seit 2015 frei verfügbare Radardaten .
Radarprinzip
Satelliten senden Mikrowellen (z. B. 5,4 GHz bei Sentinel-1, Wellenlänge ca. 6 cm) zur Erdoberfläche.
Die Reflexionen werden über viele Überflüge verglichen.
Konsistente Rückstreupunkte werden als Persistent Scatterer identifiziert – z. B. Brückenpfeiler, Geländer, Lärmschutzwände .
Aus minimalen Phasenänderungen lassen sich Verformungen im Millimeterbereich berechnen.
Bodenauflösung / Pixelgröße
Sentinel-1 liefert Zellen mit ca. 20 × 5 m.
Ein Pixel enthält maximal einen Persistent Scatterer – je mehr Pixel ein Bauwerk abdeckt, desto besser die Analyse .
Für Sentinel-1 gilt daher:
→ Brücken ab ca. 20 m Spannweite sind gut beurteilbar .
Fortgeschrittene Auswertung
AIT hat Methoden entwickelt, um etwa Temperaturdehnungen herauszurechnen, was die Genauigkeit erheblich steigert und Verformungsmuster erstmals sichtbar macht (z. B. Pfeilerhebung, Relativbewegungen zwischen Tragwerksabschnitten) .
Genauigkeit & Grenzen von InSAR
Genauigkeit im Millimeterbereich
Mit Temperaturkompensation gelang es, an mehreren Brücken unter 2 mm Genauigkeit zu erreichen – unabhängig davon, wie viele Scatterer-Punkte vorhanden waren .
Häufigkeit der Auslesung
Sentinel-1 überfliegt denselben Punkt alle 6 Tage (ascending oder descending Orbit)
Für identische Geometrie (gleicher Blickwinkel) entstehen nutzbare Wiederholungen etwa alle 12 Tage – durch den Doppelsatelliten halbiert sich dies teilweise .
Line-of-Sight: Blickrichtung des Satelliten
Der Satellit misst nicht 3D, sondern entlang der Schrägsichtlinie.
Bewegungen Nord–Süd sind nahezu unsichtbar.
Gute Messbarkeit für Vertikal- und Ost-West-Bewegungen .
Verfügbarkeit der Daten
Frei verfügbar, aber ESA liefert zentrale Vorprozessierungen nur 1× pro Jahr → Time Delay von bis zu Monaten .
Rohdaten sind schneller verfügbar (ca. wöchentlich), müssen aber aufwendig prozessiert werden.
Topographie & Sichtbarkeit
In alpinem Gelände können Brücken durch Berge verdeckt sein.
Flachland: Abdeckung bis zu 90 % der Brücken in einem 100 km-Gebiet (Beispiel Norddeutschland) .
Bei schlechten Rückstrahleigenschaften (Vegetation, Schotter) fehlen natürliche Scatterer.
Corner-Reflektoren
Metallische 3-Flächen-Reflektoren → künstliche InSAR-Zielpunkte.
Besonders sinnvoll bei neuralgischen Bauwerken oder fehlenden natürlichen Scatterern; wartungsarm und präzise referenzierbar .
Praxisnutzen von InSAR für die Infrastrukturerhaltung
1. Hotspot-Erkennung auf Netzebene
InSAR ermöglicht es erstmals, ganze Straßen- oder Bahnnetze automatisiert auf Setzungen oder Schadensindikatoren zu durchsuchen.
Beispiel aus dem Transcript:
Autobahnabschnitt (A14, Nähe Schweiz):
→ Analyse von 40–50 km in einem Durchlauf
→ Identifikation von Hotspots, Setzungen, neu eröffneten Abschnitten mit auffälligen Bewegungen
→ Zusätzliche Auffälligkeiten entdeckt, die vorher nicht im Fokus waren .
2. Objektbezogene Detailanalyse
Bei großen Brücken können z. B. sichtbar werden:
periodische Jahresverformungen
Pfeilerbewegungen nach oben/unten
Differenzbewegungen zwischen Brückenfeldern
blockierte oder wieder freie Lagerstellen (Beispiel: Lagerblockaden sichtbar durch fehlende Temperaturantwort) .
3. KPI-Potenziale für Asset Manager
Basierend auf dem Transcript:
Empfohlene KPIs (ableitbar aus InSAR-Daten):
Jährliche Setzungsrate pro Bauwerk (mm/Jahr)
Trendanalyse: abklingend / zunehmend / stabil
Anzahl an Hotspots je 10 km Strecke
Temperatur-Verformungs-Korrelation
Differentialbewegung zwischen Pfeilern (mm)
Anwendungsmöglichkeiten:
Risikobasierte Priorisierung
Ergänzende Daten für Brückenprüfungen
Entscheidung, wo On-Site-Sensoren notwendig sind
Vermeidung ungeplanter Sperrungen
4. Beispiele aus Österreich
Aus dem Gespräch mit Alois Vorwagner:
ÖBB und ASFINAG haben bereits Pilotprojekte durchgeführt ✔️
Untersuchung mehrerer großer Talbrücken (Pfeilerverformungen, Temperaturkompensation, Frühwarnindikatoren) ✔️
Überwachung innerstädtischer Tunnelbaustellen / Setzungsfelder im urbanen Umfeld ✔️ (Tunnelbau, Großanlagen) .
Zukunft von InSAR für die Infrastrukturerhaltung
Die Experten aus dem Transcript sehen einen klaren Paradigmenwechsel:
1. Immer bessere Satelliten
Zukünftige Missionen werden:
höhere Auflösung liefern (deutlich < 10 m)
dichtere Wiederholungsraten ermöglichen
bessere atmosphärische Korrekturen bringen
.
2. Integration in nationale Asset-Management-Systeme
Großes Potenzial besteht, wenn Staaten / Behörden:
zentral flächendeckend scannen
Eigentümer automatisiert über Anomalien informieren
InSAR als Standard-Screening-Tool einführen
.
3. Kombination mit On-Site-Sensorik
InSAR liefert großflächige Trends – lokale Sensoren liefern kurzfristige Ereignisse.
Diese Hybridstrategie wird sich durchsetzen:
flächendeckendes Screening
punktuelle Intensivüberwachung bei kritischen Objekten
4. Quantencomputing
Laut AIT könnte der nächste große Sprung durch Quantencomputer kommen:
→ viel schnellere Prozessierung → Echtzeitfähigkeit → höhere Genauigkeit .
Fazit: InSAR wird ein Schlüsselwerkzeug der Infrastrukturerhaltung
Die Aussagen aus dem Podcast sind eindeutig:
InSAR ermöglicht erstmals eine skalierbare, kosteneffiziente und millimetergenaue Überwachung tausender Bauwerke gleichzeitig.
Mit Genauigkeiten unter 2 mm, freier Datenverfügbarkeit, Netz-Screening über Dutzende Kilometer und dem Potenzial zur Integration in Asset-Management-Systeme ist InSAR ein massiver Fortschritt für Brücken- und Straßenbetreiber – insbesondere angesichts alternder Infrastruktur.
Literatur
Hier der Link zu einer Plattform wo man sich die ausgewerteten Verformungen an der Strecke A14 ansehen kann: Welcome to Eodash v5
Weiter ausgewählte Papers einiger unsere Projekte
- Vorwagner, A., Kwapisz, M., Leopold, P., Ralbovsky, M., Gutjahr, K.H. and Moser, T. (2024), Verformungsmonitoring von Brücken mittels berührungsloser Satellitenradarmessungen. Beton- und Stahlbetonbau, 119: 636-647.https://doi.org/10.1002/best.202400017
- Dr. Alois Vorwagner, Maciej Kwapisz, Mag. Dr. Leopold Philip D, r. Ing. Vazul Boros Dr. Thomas Moser (2025): Satellitengestütztes Bauwerksmonitoring – Verformungsmessungen an der Großbrücke Schottwien als Demonstrationsprojekttud.qucosa.de/api/qucosa%3A98389/attachment/ATT-0/
- Boros, V., Kwapisz, M., Dohnalík, P., Leopold, P., Vorwagner, A., Thiele, A., & Evers, M. (2025). Monitoring of flood protection systems with InSAR in Austria. Living Planet Symposium 2025, Vienna, Österreich. https://publications.ait.ac.at/ws/portalfiles/portal/57663709/Boros_et_al_2025_Monitoring_of_flood_protection_systems_with_InSAR_in_Austria.pdf
- Giordano, P. F., Kwapisz, M., Miano, A., Liuzzo, R., Vorwagner, A., Limongelli, M. P., Prota, A., & Ralbovsky, M. (2025). Monitoring of a multi‐span prestressed concrete bridge using satellite interferometric data and comparison with on‐site sensor results. Structural Concrete, 26(1), 1-24. https://doi.org/10.1002/suco.202400881
Presse links:
- ORF Video Reportage: https://on.orf.at/video/14300403/15985645/ait-ueberwacht-infrastruktur-mittels-satelliten
- HoSMoS Satelliten-Technologie für nachhaltigen Hochwasserschutz – AIT Austrian Institute Of Technology
- Wie das AIT Satelliten-Technik für nachhaltigen Hochwasserschutz nutzt – BMIMI INFOTHEK
- Tracking ground motion along the Danube — Copernicus Land Monitoring Service
- Aus dem All bewerten, ob der Schutz vor Hochwasser noch hält – Forschung – derStandard.de › Wissen und Gesellschaft
- Zusätzliche Links und Fotos vom Satelliten und der ESA Sentinel-1 Mission unter: